Burle vom halben Schwein

Oma Edeltraud wurde oft - schon als kleines Kind - nach Bischbrunn geschickt. Ihr Vater Markus Schwab kam aus diesem kleinen Bauernort im Spessart und ihre Großmutter und viele Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen lebten dort. Bischbrunn liegt an der B8. Von Marktheidenfeld aus, das damals einen Bahnhof hatte und wo der von den Lohrern liebevoll "Gazzerle" genannte Schienenbus hielt, waren noch ungefähr 12 km mit dem Postbus Richtung Aschaffenburg zurückzulegen.

Viele Burlich, also Geschichten, handeln von Bischbrunn, dem Leben dort oder von den Abenteuern der Reise dorthin. Die heutige Geschichte spielt am Ende des zweiten Weltkriegs. Oma war schon ungefähr 14 Jahre alt, also schreiben wir das Jahr 1942 mitten im zweiten Weltkrieg. Die schon mit Kriegsbeginn eingeführte Lebensmittelrationalisierung war zu der Zeit schon in vollster bürokratischer Blüte und wurde scharf überwacht. Bauern konnten nicht einfach ein Schwein schlachten, sie benötigten dazu einen Schlacht-Schein und den gab es für ein Schwein nur ein bis zweimal im Jahr. So wurde, wenn der reale Hunger größer als der berechnete Bedarf war, das eine und andere Schwein heimlich geschlachtet. So ist auch die Schlachtung eines Bischbrunner Schweins der Beginn dieser Geschichte.

Die Vorräte für die Lohrer Verwandtschaft (Blut- und Leberwürste, Koteletts und Speck) wurden in einen stabilen, großen und schweren Bastkoffer gepackt und Edeltraud wurde mit der Überführung nach Lohr betraut. Von den Bischbrunnern auf ein Holzfuhrwerk gesetzt, kam sie nach Marktheidenfeld und wurde dort vom Fuhrmannn in der Wartehalle des Bahnhofs abgeliefert. Sie schob den Koffer unter die Bank und wartete auf ihren Zug.

Der alte Bahnhof in Marktheidenfeld
Quelle: www.drehscheibe-foren.de
eine wunderbare Dokumentation der inzwischen aufgelösten Bahnstrecke von Lohr nach Wertheim.
geschrieben von: Volker Blees

Die Tür ging auf, herein kamen Uniformierte und forderten die wartenden Reisenden auf, ihre Taschen für eine Kontrolle zu öffnen. Für uns, in der Wohlstandsgesellschaft aufgewachsenen und alt geworden, ist die Bedrohlichkeit dieser Situation nur schwer zu begreifen. Verstöße gegen die Vorschriften der 1939 eingeführten Kriegswirtschaftsverordnung (KWVO), sogenannte Kriegswirtschaftsverbrechen wurden drakonisch geahndet ("Die Sondergerichte haben sich oft mit Schwarzschlachtungen beschäftigt und Todesurteile gefällt, weil dadurch unerlaubt Fleisch der staatlichen Bewirtschaftung entzogen worden ist." Wikipedia-Eintrag zur Kriegswirtschaftsverordnung). Das Mädchen Edeltraud saß also auf ihrem Koffer und während um sie herum noch die kleinsten Täschchen durchwühlt wurden, saß sie auf einem Pulverfass. Klar war ihr nur, die Mutter wartet am Lohrer Bahnhof auf die dringend benötigten Lebensmittel und sie musste ihre Aufgabe erfüllen.

Die Polizisten kamen nun zu unserem Mädchen. "Also in dem Koffer da unten hab ich ein halbes Schwein, den müsst ihr schon selbst vorziehen" war ihre Eröffnung gegenüber den Uniformierten. Die haben schallen gelacht über so viel dreisten Witz des kleinen Mädchens und sind einfach weiter gegangen und nach kurzer Zeit war der Warteraum wieder "überwachnungsfrei".

Eigentlich reicht das an Spannung und ich würde die Geschichte mit der Heimfahrt ausklingen lassen. Mit der am Ende des Bahnsteigs, hinter dem Zaun wartenden Mutter Anna, die den Koffer in Empfang nimmt und auf den mitgebrachten Leiterwagen verstaut. Mit kleinen Randbemerkungen über die Zeit, als es noch Bahnhofsvorsteher, Bahnsteigkarten und Kontrollen jedes Reisenden gab. Es gibt aber noch eine kleine Fortsetzung.

Statt sich ruhig über die überstandene Gefahr zu freuen, muss unsere Edeltraud den mit Witz und Nervenstärke errungenen Triumph ihren Mitreisenden unbedingt offenbaren. Sie öffnet also den Koffer und zeigt den staunenden Umstehenden die beeindruckende Fülle an Fleisch und Wurstwaren. Dann - wie im schlechten Krimi, aber das ist eine authentische Geschichte - geht die Tür wieder auf und die Beamten kommen noch mal zurück. Koffer zurück an den Platz, hat man die Gefahr zu weit herausgefordert ?..... es zeugt von der Solidarität der Bevölkerung in diesen schweren Zeiten, dass niemand unsere kleine Edeltraud verraten hat und ihr das bis heute unbändige Bedürfnis nach Kommunikation nicht zum Verhängnis geworden ist.


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