Dr. Christian Schwarz
Jerome D. SALINGER und Wilhelm STEKEL

Am 27. Januar 2010 ist Jerome David SALINGER im Alter von 91 Jahren gestorben. Sein Tod hat vielen seiner Leser Anlass gegeben, persönliche Reminiszenzen zu äußern. Aber neben der unvermeidlichen Frage, die den literarischen Nachlass des Autors betrifft, treten auch die mannigfaltigen Aspekte des Werks erneut ins Bewusstsein. So ist anlässlich seines Todes z.B. auf eine literarische Beziehung aufmerksam zu machen, die möglicherweise zwischen dem Autor des Romans "Der Fänger im Roggen" ("The Catcher in the Rye") und dem Psychologen Wilhelm (William) STEKEL (1868 - 1940) besteht.

Bekanntlich liegt das Lesevergnügen von SALINGER-Adepten unter anderem darin, dass die Texte dieses Autors ein Geflecht von "Verweisungen" (Peter FREESE) enthalten, die natürlich besonders im Gebiet der Symbole wahrnehmbar werden, aber auch in dem damit eng verknüpften Bereich der Figuren-Namen und des - teilweise verkappten - Zitierens anderer Autoren von der Namensnennung über die Anspielung bis zur Figuration.

Zitate und Autoren-Anspielungen sind bisher nicht allzu oft untersucht worden, obwohl die Liste der ins literarische Spiel gebrachten Schriftsteller für einen "Jugend-Roman" doch recht erstaunlich wirken müsste. Explizit werden Emily DICKINSON, Tania BLIXEN (als Isaac DINESEN), Robert BURNS, Scott FITZGERALD, Thomas HARDY, Ernest HEMINGWAY, Ring LARDNER, Somerset MAUGHAM genannt, Charles DICKENS, Herman MELVILLE, Eugene O'NEILL, R.M. RILKE und Mark TWAIN werden impliziert. Hinzu kommt ein raffiniert verfremdetes, ironisches Selbstzitat, und der Romantitel selbst ist bekanntlich aus einem Gedicht von Robert BURNS abgeleitet.

Natürlich hat all dies damit zu tun, dass Holden Caulfield, der Ich-Erzähler, über belesene und jedes auf seine Art schriftstellernde Geschwister verfügt, aber es sind eben bestimmte Namen, die da genannt werden, und zusammen ergeben sie ein Absichten-Bündel, das der close reading betreibende Leser auflösen kann, wenn er es möchte. Sichtbar werden kann dabei eine Reihe literarischer und biographischer Konstellationen, jedenfalls aber eine kleine persönliche Poetik der Kurzgeschichte, SALINGERs dichterisches Programm.

Es fällt auf, dass der einzige Autor, der wörtlich zitiert wird, kein belletristischer Schriftsteller, sondern ein - wenn auch journalistisch sehr erfolgreicher - Psychoanalytiker und Arzt ist. "The mark of the immature man is that he wants to die nobly for a cause, while the mark of the mature man is that he wants to live humbly for one." "Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte." ( In der Übersetzung von A. und H. Böll)

In STEKELs Werk sind diese Sätze allerdings bisher nicht nachgewiesen worden. Ein weiteres Spiel des Versteckspielers J.D.S.? Sicherlich nicht nur, denn die Sätzes werden von Holdens ehemaligem Lehrer Antolini zitiert, der von den im Roman auftretenden Erwachsenen den meisten Einfluss auf den Jungen hat; die zitierte Aussage bestimmt ihn, verändert ihn, wenn sich dies auch erst am Schluss des Romans zeigt in dem gewandelten Verhalten und dem seelischen "Aufatmen" Holdens. Dies lässt die Annahme zu, dass der STEKEL-Ausspruch nicht isoliert zu nehmen ist, gewissermaßen "aus dem Zettelkasten stammt", sondern dass ein größeres Interesse des Autors am Werk des Psychologen bestanden hat.

Wilhelm STEKEL war einer der vier ursprünglichen Teilnehmer an den berühmten Mittwoch-Gesellschaften Sigmund FREUDs, gab jahrelang das "Zentralblatt" heraus, das Sprachrohr der Bewegung um FREUD, wandte sich noch vor C.G. JUNG von diesem ab und entwickelte seine eigene analytische Methode, die er - auch im englischen Exil - mit Erfolg praktizierte. Über seine Rolle im inner circle der frühen Psychoanalyse kann man sich in John KERRs kenntnisreichem Buch "A Most Dangerous Method. Freud, Jung and Sabina Spielrein" (deutsch 1994) informieren. STEKEL wird in jenen Jahren als Analytiker mit brillianten Ideen, jedoch etwas oberflächlich-großzügigem Vorgehen, späterhin als unermüdlicher Arbeiter, fürsorglicher Arzt und Mann von großer persönlicher Autorität beschrieben. Als sein Hauptwerk gilt "Die Sprache des Traumes" (1911), für das möglicherweise das - mit FREUD geteilte - Interesse an "Prüfungsträumen" den Anstoß gab. Heute ist der Name STEKELs außerhalb des Kreises der Spezialisten für die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse nahezu unbekannt: der Bannfluch, den FREUD für Abtrünnige bereithielt, hat offensichtlich gewirkt. Dies ist umso bemerkenswerter, als STEKEL noch vor Erik Homburger ERIKSON der Jugendlichkeitsphase gegenüber der Kindheitsphase in der psychoanalytischen Beobachtung größere Aufmerksamkeit verschafft hat.

Hier ergäbe sich ein erster Bezugspunkt zu SALINGER, dessen erzählende Texte fast ausschließlich Adoleszente, Jugendliche und Kinder an der Schwelle zur Jugendphase darstellen, der meisterlichen Gestaltung dieser Altersgruppen verdankt der Autor seinen weltweiten Ruf.

Der zweite Bezugspunkt könnte im psychoanalytischen Verfahren liegen: anders als FREUD und die FREUDianer sucht STEKEL die Analyse "offensiv", durch Einmischung des Therapeuten in die Berichte des Patienten, voranzutreiben; nicht Distanz, sondern Interaktion bestimmt das Vorgehen, das oft provokativ ist und die Erfahrungen des Analytikers miteinbezieht. "Day after day I attack the patient's system by storm, showing that he can get well betwixt night and morning if only he will discard his fictive aims." Dem SALINGER-Leser wird bei dieser Beschreibung sofort der zweite Teil der Doppel-Kurzgeschichte "Franny and Zooey" einfallen, denn Zooey verfährt mit seiner von einer tiefen depressiven Verstimmung betroffenen Schwester, der Collegestudentin Franny, auf ebendiese Weise: die Kurzgeschichte ist eine einzige tour de force aus Analyse, Provokation, Evokation von Erinnerungen, Selbstkritik. - In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, in welchem Verhältnis möglicherweise der oft - als elitär-hermetisierend oder pessimistisch - kritisierte Rückzug SALINGERs auf die fiktive Glass-Familie und STEKELs Studien zum "Psychosexual Infantilism" zueinander stehen; eine Art "objective Correlative", Reflexionspunkt in einer Lebenskrise? In STEKELs "Die Träume der Dichter" (1912) steht der Satz: "Die Liebe zur Familie ist eine von Reue diktierte nachträgliche Korrektur einstiger Liebelosigkeit."

Diese Erwägung leitet zu einem dritten Bezugspunkt über: man könnte ihn in dem von STEKEL benutzten Konzept Alfred ADLERs vom "Lebensstil" bzw. der "Lebenslinie" sehen, das an die Stelle des "Unbewussten" FREUDs gesetzt und von STEKEL "life-lie", "Lebenslüge", genannt wurde. J.A.C. BROWN (1961) zufolge ist damit das System der fiktiven Ziele des Patienten gemeint. SALINGERs Short Stories, besonders die Auswahl der "Nine Stories" (zur Publikation in Buchform von den restlichen ungefähr vierzig "magazine" stories abgehoben), schildern den Zusammenbruch oder die Angst vor dem Zusammenbruch einer Lebenslüge - nicht nur, wie meist gesagt wird, übersensible Menschen am Rande der Neurose. Einleitungs- und Schlusskurzgeschichte der "Nine Stories", deren Anordnung übrigens genauerer Untersuchung bedürfte, beinhalten bezeichnenderweise den Freitod von "Weisen".

Eine persönliche Begegnung SALINGERs mit Wilhelm STEKEL ist mit größter Wahrscheinlichkeit auszuschließen - weder die Ostmitteleuropa-Reise noch der Englandaufenthalt (vor der Invasion der Alliierten) des Autors kommen hierfür in Frage. Die Autobiographie des Psychoanalytikers (W.S., The Life of a Pionier Psychoanalyst, ed. by E.A. GUTHEIL, N.Y.) erschien 1950, ein Jahr vor der Publikation des "Catcher", zehn Jahre nach dem Freitod Wilhelm STEKELS.

v.f. 2000

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