Dr. Christian Schwarz
Salingers Glass Family

Wer an Literaturpsychologie Gefallen findet, dem kann die Glass-Familie SALINGERs Freude bereiten. Deren Struktur (oder Konstruktion) legt nämlich die Vermutung nahe, dass der Autor mit ihrer Erfindung Probleme der eigenen Adoleszenz literarisch verarbeitet hat, nachdem er die eigene Jugendbiographie in seinem Roman durchscheinen ließ.

Die Eigenart dieser Familie fordert zu einigen Fragen heraus: warum wird einem der Familienmitglieder, das nicht mehr am Leben ist, dem ältesten der Geschwister Glass, Seymour, die geistige Führungsposition innerhalb der Familie zugewiesen? Warum erschöpft sich die schriftstellerische Tätigkeit des Bruders Buddy, soweit der Leser etwas davon erfährt, in der Wiedergabe von Erinnerungen an diesen ältesten Bruder und in dem Versuch, seine Persönlichkeit im Rückblick zu beschreiben? Wieso gelingt es Zooey nur unter Aufbietung einer Episode im Leben Seymours und durch die Zuhilfenahme der suggestiven Atmosphäre von dessen ehemaligem Arbeitszimmer, seine Schwester Franny aus ihrer tiefen depressiven Verstimmung herauszuholen? Weshalb wird die Figur von Bessie Glass, der Mutter, so lebendig gestaltet und als allgegenwärtig, wenn auch auf andere Art als die Seymours, für den das Gleiche gilt, im Bewusstsein des Lesers gehalten, während die des Vaters Les Glass blass und unausgeführt bleibt? Gleichermaßen unterbelichtet bleiben die jüngsten Brüder Walt und Waker. Weiterhin fällt auf, dass der schwachen Schwester Franny mehr erzählerischer Raum gewidmet wird als ihrer resoluteren und älteren Schwester Boo Boo Tannenbaum. Dass sich die späten Stories - seit "Franny" - ausschließlich um die Familie Glass drehen, ist oft vermerkt und kritisiert worden: es hat für viele Leser den Anschein, als habe sich der Autor SALINGER in seiner fiktiven Familie selbst gefangen gesetzt und als sei ihm in diesem Glashaus schließlich die Schaffenskraft verloren gegangen, so dass er seit nunmehr 35 Jahren schweigt.

Allgemein wird angenommen, dass SALINGERs literarisches Verstummen mit seiner Adaption der Zen-Philosophie zu tun hat, die Meditation und das Erreichen eines neuen Bewusstseins über die Ausdruckswelt der dichterischen Schöpfung stellt. Unter dem Aspekt einer psychoanalytisch orientierten Literaturpsychologie wäre aber denkbar, dass es sich dabei um ein zu Ende gekommenes psychisches Entlastungsverfahren handelt, in dem Zen eine untergeordnete, wenn auch wichtige, instrumentelle Rolle spielt.

Wovon wird "entlastet"? Der Adoleszente steht in der Spannung zwischen den Gefühlen von Stärke, ja Allmacht, und Schwäche, Wertlosigkeit des eigenen Ich. Es ist die Spannung, deren meisterhafte literarische Darstellung den Autor SALINGER berühmt gemacht hat. Die Reaktion auf diese Spannung besteht laut H. Shmuel ERLICH (Verleugnung in der Adoleszenz. Einige widersprüchliche Aspekte. In: Psyche 1990/3, 218-239) häufig in der "Verleugnung" sowohl seiner Stärke wie seiner Schäche durch den Adoleszenten; sie ist Folge von Ich-Abspaltungen und ist meist von einem "Flirt mit dem Tod" (ERLICH) begleitet. Die interpersonalen Zusammenhänge in der Familie Glass sind nun so ausgelegt, dass sie dem beschriebenen Verhaltensschema entsprechen. Die Konstruktion der Familie gibt sich also als ein Superzeichen der vom Autor in seinem erzählenden Werk geschilderten psychischen Situationen Jugendlicher zu erkennen. Mit diesem Super-Zeichen, so ist anzunehmen, bildet der Autor seine Motivation zur Darstellung von Adoleszenz-Konflikten ab, d.h. zwischen dem Ego des Autors und der "Familienstruktur Glass" besteht eine enge Beziehung. Deren Art gilt es nun im einzelnen an der Figurenkonstellation nachzuweisen.

Die Einsetzung des älteren Bruders als geistiges Oberhaupt der Familie, das durch seine Ideen und mit seiner Autorität die Einstellungen und Entwicklungen der Geschwister leitet und bestimmt, entmachtet den Vater. Durch den Umstand, dass Seymour real nicht mehr existiert, scheint sein Einfluss zu wachsen; er ist der Alltagswirklichkeit entrückt, der konkreten Konfrontation mit den Personen enthoben, wirkt also durch die Erinnerung an sein Verhalten und seine Werte in bestimmten Situationen, Begegnungen, Krisen während seiner Lebenszeit. Diese "Unabhängigkeit" von der physischen Realität verleiht ihm eine Allmachtsposition, er wird verehrt, in seiner Autorität nicht angezweifelt und gewissermaßen wie ein Heiliger angerufen. Abgesehen davon, dass er hiermit der Orientierungssuche der Jüngeren als fester Bezugspunkt zugeordnet / zugewiesen wird, verkörpert er durch die Art der (erinnerten) Annäherung an Probleme, d.h. sein unbegrenztes Verständnis, seine umfassende Güte und die unaufdringliche Vermittlung seiner Auffassungen, ein Wunschbild des Ich von seinem Über-Ich. Macht, Gutsein und Freiheit fallen in einem Idealbild der abgespaltenen positiven Ich-Eigenschaften und des verkörperten potentiellen Gegensatzes zur real existierenden Autorität ineins.

Im Zusammenhang mit der literarisch-fiktiv realistischen Omnipotenz fällt jene Paradoxie ins Auge, die ERLICH in mehr als einer Hinsicht als kennzeichnend für die Adoleszenzphase festhält: Seymour, das neu eingesetzte Familienoberhaupt, ist durch Suizid "entrückt" worden, hat die Distanz, aus der heraus er segensreich wirkt, durch Selbstmord aus freiem Entschluss, bezeichnenderweise aus dem Leser nirgends vermittelten Gründen (A Perfect Day for Bananafish) erreicht. Darin drückt sich die Komponente der Freiheit aus, den erkannten Zustand der Begrenztheit aus eigener Kraft zu beenden, gewissermaßen eine Verleugnung der Verleugnung zu leisten. Es muss auffallen, dass dieser Weg im (autobiographisch getönten) Roman bereits begonnen wurde, - indem die Erinnerung an den (an einer Erberkrankung zugrundegegangenen) Bruder Allie das Denken der Geschwister Caulfield bestimmt - aber erst in der Konfiguration der Familie Glass weiter beschritten wird. Die Selbstmordgedanken Holdens (als Verleugnung seiner Stärke wie Schwäche) werden mit den produktiven erinnerten Fähigkeiten des Bruders Allie sozusagen in der Gestalt Seymours und dem "kommunikativen System", das die Familie Glass konstituiert, zusammengeführt.

Freiheit ist die eine Bedingung, die zur Installierung des Idealen Ich notwendig ist, eine beständige Erinnerungsarbeit die andere. Erstere wird erreicht durch die Auflösung aggressiver Impulse gegen den Vater durch Umbiegung in auto-agressive Tat, womit Schuldkomplexe aufgelöst werden. Die Erinnerungsarbeit wird geleistet durch den anderen Teil des gespaltenen Ich: sie ist notwendig, um die Botschaften des idealen Ich zu transportieren. Dies erklärt, warum der Bruder Buddy mit nichts anderem beschäftigt ist als mit dem Leben seines älteren Bruders Seymour; er hat die Rolle des erinnernden Ich-Teils übernommen, das den anderen Familienmitgliedern Seymour lebendig und aktiv erhält. So kann die Therapierung Frannys durch Zooey erfolgen. An ihr wird die für Adoleszente typische ambivalente Einstellung zu regressiven Tendenzen am deutlichsten: einerseits fürchten sie sich davor, sich und anderen das Regressionsbedürfniss einzugestehen, andererseits empfinden sie die Notwendigkeit dieses Bedürfnisses. Frannys Sprach- und scheinbare Reaktionslosigkeit, deren versuchte Aufhebung durch Zooey die gesamte "Handlung" der nach ihm benannten Short Story ausmacht, ist in ihrem Rückzug unter die Decke symbolisiert. Aber auch Seymours ehemaliges Arbeitszimmer, seit seinem Tod unverändert belassen, weist symbolisch in die gleiche Richtung, die der Regression. Dies bedeutet für den Jugendlichen die Möglichkeit des Stillstands, den er braucht, um "Aufschub im Dienste der Integration und Harmonisierung seiner adoleszenten Errungenschaften" zu erreichen in den "grimmigsten, aus stärksten wettstreitenden und am stärksten beschleunigten Phasen" seiner Entwicklung (H.Sh. ERLICH). Regression und Verleugnung stehen in engstem Zusammenhang. Buddy wie Zooey repräsentieren die verleugnenden Parts des Ich (wobei bemerkenswert ist, dass sie die beiden hauptsächlichen Sublimationsantriebe des Autors SALINGER abbilden, das Schreiben und die schauspielerische Darstellung (zu letzterer vgl. Ian HAMILTON, Auf der Suche nach J.D. SALINGER, Berlin 1989), indem Buddy seine schriftstellerischen Ziele ganz auf Seymour ausrichtet und Zooey einen Termin verstreichen lässt und sich, die durchgeschwitzten Hemden wechselnd, bis an den Rand der Erschöpfung auf die "Rettung" seiner Schwester konzentriert, deren Hinwendung zum Mystizismus abzuwenden trachtet, die seinerseits den Regressionswunsch deutlich erkennen lässt; schließlicher Erfolg kann als Missionierung seiner Schwester im Sinn der Seymourschen Botschaft verstanden werden.

Diese Botschaft stimmt großenteils mit den Lehren der Zen-Philosophie überein, ist sozusagen eine private Fassung derselben. Inwieweit und inwiefern sie es ist, sollte von Fachleuten auf dem Gebiet des Zen untersucht werden. Unter literaturpsychologischen Gesichtspunkten interessieren zwei Aspekte: Zen kann als Rationalisierung der Verleugnungsvorgänge gesehen werden, die der Glass-Familie immanent sind und derjenigen psychischen Konstellationen des Autors, aus denen heraus und zu deren Entlastung die Glass-Familie möglicherweise erfunden wurde und die ihr immanent sind. Hinter diesem screen der Rationalisierung läßt sich dann wohl das ganze Drama des begabten Kindes sichtbar machen, von der Enttäuschung eines fordernden Vaters bis zu den symbolischen Wunden des sich abkapselnden, mit dem Leser scherzenden, monomanisch seinen Stil entwickelnden, den Literaturbetrieb hassenden weltberühmt-unbekanntesten Autors der USA. Stattdessen sollten vielleicht Feststellungen wie die folgenden auf den im Namen der Zen-Philosophie rationalisierten Verleugnungsprozess angewandt werden, den die Fiktion der Familie Glass, so wie sie konstruiert ist, widerspiegelt: "Sie (die Verleugnung, Anm.d.Verf.) befähigt ... einerseits ... Gefühle der Sehnsucht nach einem anderen, längst vergangenen Zustand zu verleugnen. Und andererseits ermöglicht sie so offenkundige kognitive Irrtümer wie die im Zusammenhang eines konkreten Umgangs mit dem eigenen Weiterleben nach dem Tod. Diese kognitiven Irrtümer sind im Grunde eine Widerspiegelung der Verunsicherung von weiter fortgeschrittenen, abstrakteren mit konkreteren, kindlicheren Kognitionsebenen." (ERLICH 1990, 233)

Damit könnte die Figur des jugendlichen Weisen Seymour - und auch die Allies in dem Roman und Teddys in der gleichnamigen Kurzgeschichte - auf die Wunschregungen - und deren Verleugnung - hin destruiert werden, der sie ihre Entstehung und Eigenart verdanken. (Offenbar sind sie grundsätzlich anders zu bewerten als die zum realistischen Bild des Jugendlichen Holden Caufield hinzugehörenden depressiven, mit Selbstmordgedanken durchsetzten, Stimmungen.)

Die Konstruktion einer Familie, die auf die leitende Rolle eines hochbegabten, hypersensiblen und doch pädagogisch-praktischen Familienmitglieds ausgerichtet ist, das Selbstmord begangen hat, setzt außergewöhnliche Spannungen im Psychischen voraus, die sowohl nach Rationalisierung wie nach Entspannung verlangen. Diese Vermutung erscheint auch dadurch gerechtfertigt, dass das Suizid-Motiv in mehr oder weniger deutlicher Form mehrmals im Werk des Autors auftaucht. Ein weiteres Indiz für die Angemessenheit einer solchen Interpretation des Textes ist die Häufung positiver Eigenschaften, mit denen Seymour ausgestattet wurde.

Die entspannende Funktion der Verleugnung, die in der Literarisierung von Konflikten durch die Invention der Glass-Familie und durch die rationalisierende inhaltliche Auffüllung mittels der Zen-Philosophie begegnet, wird sich auch auf die übrigen "Figuren der Fabel", die anderen Familienmitglieder, erstrecken.

"Wenn in bestimmten Konstellationen diese Vorliebe (für den 'Flirt mit dem Tod', Anm. d. Verf., Ausdruck von H.Sh. ERLICH) mit starkem Verlangen nach mütterlicher Vereinigung einerseits und besonderen Qualitäten kognitiver Funktionsweisen andererseits gepaart ist, kann sie ein ernstzunehmendes Anzeichen von Suizidneigung bedeuten." (ERLICH 1978, 1999)

Der dominanten Position Seymours erscheint derart die Figur der Mutter Bess Glass, die entweder persönlich oder in Anspielungen auftritt, einererseits und die gegenüber den männlichen Vertretern der Familie durchweg schwächere Zeichnung der weiblichen Mitglieder bzw., deren Darstellung in ihrer Schwäche andererseits zugeordnet. Bess Glass ist der einzige nicht-intellektuelle Typus in der Familie, in ihrer chaotisch-liebevollen Art wirkt sie vital, dem Leiden an der Welt, das sich bei den Geschwistern in Protest und Kritik äußert, entzogen. Dafür korrespondiert sie in ihrem Verhalten mit den von Seymour eingesetzten, aus dem Zen abgeleiteten, Einstellungen wenn auch auf anderer Ebene (was im Sinne von Zen unerheblich ist). Als einzige der drei weiblichen Familienmitglieder macht sie einen fraulichen Eindruck, während Franny wie Boo Boo eher knabenhafte Züge aufweisen, weibliche Sexualität nicht ausstrahlen.

Angesichts der an SALINGER oft vermerkten Sexualitätsabgewandtheit der Darstellung ist der Unterschied in der Behandlung von Bess Glass und ihrer zwei Töchter nicht ohne Bedeutung. Von der hier im Hinblick auf die Mutter-Sohn-Beziehung gelesteten Verdrängung wird der Schleier für einen Augenblick weggezogen, als Zooey gegenüber Franny Seymours Beschreibung der Begegnung mit Jesus anführt: Jesus erschein als "Fat Lady".

Wenn Buddy und Zooey als Repräsentanten der realitätsnäheren Ich-Teile die Korrespondenz mit dem abgespaltenen Ideal-Ich Seymour durchführen und als seine Agenten in der familialen Umgebung wirken, so müssten die Schwestern Projektionen der Brüder sein. Zooey entspräche dabei der aktiveren Schwester, Boo Boo, Franny dem empfänglich-sensiblen Buddy, dessen Ich-Grenzen fließend sind. Ein Gespräch zwischen Geschwistern, an dem Boo Boo beteiligt wäre, kommt bemerkenswerterweise nirgends zur Darstellung. Walt und Waker, die jüngeren Brüder, dienen entweder nur zur Komplettierung einer als Großfamilie angelegten Diskussionsgemeinschaft, gewissermaßen als Alibi einer Dreiecksbeziehung, aus der die familiale Konstellation eigentlich besteht, oder sie sind als Gestalten einer Zeugungsphantasie nicht eigentlich Geschwister, sondern Kinder der Geschwister. Als Trägerfiguren einer Story treten sie nicht in Erscheinung.

Verständlich werden diese familiären Beziehungen als Schema eines Verleugnungsvorgangs erst richtig, wenn man sich vor Augen führt, dass, wie oft beobachtet wurde, die wechselseitige Selbstvergewisserung der Personen ausschließlich innerhalb der Familie stattfindet, nie in der Begegnung mit außerhalb stehenden Personen.

"I'll champion indiscrimination till doomsday"" und "We go from one square inch of sacred ground to another" - diese beiden Sätze aus "Seymour. An Introduction" weisen darauf hin, dass Zen nicht nur eine rationalisierende, "formale" Rolle bei "Verleugnungs"vorgängen spielt, sondern vor allem eine "inhaltliche" bei der Institutionalisierung von Adoleszenzproblematik durch die Konzeption der Familie Glass. Denn beide Sätze bedeuten "Gleichermaßen - Ernstnehmen" jeder Person und jeder Erscheinung dieser Welt - was zugleich aber auch die Entscheidung gegen jede Entscheidung bedeutet. Im allgemeinen Verständnis westlichen Denkens ist dies ein Zeichen von Ich-Schwäche, einem "Mangel an Persönlichkeit" (Letzerer ein Begriff, vor dessen Gebrauch Sigmund FREUD gewarnt hat); im Hinblick auf Adoleszenzkrisen entspricht das durch Zen-Praxis erreichte "neue Bewusstsein", das ohne Entscheidungen auskommt, weil es über allen Gegensätzen steht, dem Moratorium, dessen der Jugendliche vor Eintritt in die Phase des Erwachsenseins bedarf, und zu dessen Erreichung "Verleugnung" eines der Mittel ist.

Hierfür ist die Kurzgeschicht, aus der die zuvor zitierten Sätze stammen, besonders aufschlussreich, gerade weil ihr Erzähler, Buddy Glass, sich darin von der Zen-Philosophie distanziert. Er tut dies, nachdem er über Jugend- ja Kindheitserlebnisse - mit Seymour berichtet hat, die von der Zen-Lehre der Loslösung getragen sind, unter Seitenhieben auf die modebewussten Adepten fernöstlicher Ideen und er tut es, "weil Seymour selbst mich buchstäblich anflehte, es zu tun" und er "wusste, dass er in diesen Dingen immer recht hatte," gehe, wie er sagt, seinen "eigenen Weg vollkommener Zen-losigkeit." Dies kann nichts anderes heißen, als dass er Seymours Botschaft als rein persönliche verstanden hat, die sich des Zen nur als Mittel der Darstellung bedient, dass er seine eigene Aufgabe im Schreiben gefunden hat, das wiederum in der Beschreibung Seymours besteht. Lehre und Leben sind also auf ganz selbstverständliche Weise eins geworden. Dass der Versuch, Seymour zu beschreiben, wegen dessen vielschichtiger Persönlichkeit Schwierigkeiten bereitet, ist eine Sache, das Glücksgefühl, das er bei seiner Arbeit hat, eine andere, die überwiegende: "Oh, dieses Glücklichsein ist ein starkes Zeug," wie Buddy sagt.

Der ältere Bruder hat offenbar die Adoleszenzkrise durch seinen Einfluss, durch seine behutsam vermittelte Lehre, in die Erfassung eines Lebenssinns übergeleitet, aus dem heraus selbst sein Tod als sinnvoll verstanden werden kann. Oder ist es so, dass nur seine permanente Beschreibung diesen Lebenssinn garantiert; "dum scribo, spero"? Die zerfließende Form der Kurzgeschichte, das Sich-Räkeln "im Stil", vielfach gerügt, könnte ein Indiz für diesen Verdacht sein. Die Konstruktion der Glass-Familie würde dann einer Perpetuierung der "Verleugnungsphase" gleichkommen, und das Schreiben Buddys wäre die bewusste Beschränkung auf diese Phase, d.h. die Weigerung, sich weiter zu entwickeln. Sowohl der Umstand, dass die Texte des Autors vom Thema der Adoleszenz nicht loskommen, wie dessen Folge, das Verstummen des Autors ab Mitte der 60er Jahre, hätten hierin ihren Grund. Die alternative Erklärung wäre, dass der Wunsch nach "Stillstand", "Ruhe" den Wunsch nach Entwicklung überwiegt. Dies ist, schöpferisches Talent beim Autor vorausgesetzt, denkbar als tiefer Protest gegen den hohen Anteil von Fremdbestimmtheit an jeder Entwicklung, eine Fremdbestimmtheit, von der auch das Schreiben affiziert wird. Diese Situation kann nur überwunden werden, indem Schreiben als transzendierbar gedacht wird - und hier liegt die Wirkungsmöglichkeit von Zen.

Beides kommt in genaueren Betracht, wenn man die Sonderrolle von "Seymour. An Introduction" aus dem Vergleich mit den übrigen, der Glass-Familie gewidmeten Kurzgeschichten ableitet. Zum einen gilt diese Story ausschließlich der Figur Seymours, von dem sie selbst sagt, dass er keinen Stoff für eine Kurzgeschichte hergibt, zum anderen erörtert sie Darstellungsprobleme bis hin zur Unmöglichkeit von literarischer Darstellbarkeit. Hierfür sind die schwierige Persönlichkeit Seymours wie das schwierige, weil von zu großer Nähe bei körperlicher Entrücktheit gekennzeichnete Verhältnis zu ihm sehr geeignet: beides bedingt sich gegenseitig, die Realismus-Problematik wird auf die Spitze getrieben (worüber der lockere Ton von SALINGERs Vortrag nicht hinwegtäuschen sollte). Was bleibt, nach dem die persönlichen wie literarischen Probleme sozusagen "verdampft" sind, ist ein Bekenntnis zur Kunst, zu einer Art "leidenschaftlichem Realismus", dem auch das Unbedeutendste etwas bedeutet; was bleibt, nachdem die literarische Annäherung an Seymour vergeblich war, ist, dass er als Heiliger, als "Suchender", "Reiner", "Seher" dasteht, und dass auf diese Weise der Poet definiert wird.

Für den hier zu verfolgenden Zusammenhang ist es wichtig, dass in "Seymour. An Introduction" die paradoxe Situation des Adoleszenten, der sich auf Verleugnung stützt, um das erwünschte Moratorium, den Aufschub von Entscheidungen, zu erreichen, in dem Paradox der Notwendigkeit der Beschreibung des Bruders bei dauerndem Scheitern dieses Versuchs widergespiegelt wird. Nicht nur sind Seymours Eigenschaften - Reinheit, (Gott-)Suche, Seherschaft, Kreativität - Eigenschaften, die sich der Adoleszente in der Phase der aufgeschobenen Entscheidungen ersehnt, auch die Unabgeschlossenheit der literarischen Produktion, d.h. des Selbstausdrucks des Beschriebenen entspricht seiner Lage. Buddy schreibt zwar sehr genau über die Umstände und die Art dieser Produktion - es sind zumeist Haiku - gibt aber, abgesehen von einigen angedeuteten Themen, kein einziges konkretes Beispiel von Seymours Kunst. Entschuldigt wird dies mit der nicht erteilten Publikationserlaubnis durch Seymours Witwe. Hier wird erkennbar, dass das Fragmentarische eines Werks zum poetischen Prinzip erhoben ist, wie dies der romantischen Tradition entspricht, wodurch der Aspekt von Offenheit, von Potentialität des Kunstwerks in den Vordergrund tritt. Auch dies ist etwas, was der existenziellen Unsicherheit / Verunsichertheit des Adoleszenten "entgegenkommt", ähnlich übrigens wie die Mischung aus Egalität und Elite, die von Zen ausgeht. Wenn man berücksichtigt, dass diese Kurzgeschichte Seymour mehr als die anderen Glass-Stories in den Mittelpunkt stellt und in keiner anderen Kurzgeschichte so viel über die Kunst des Schreibens geschrieben wird, so erhält der Vorgang der Verleugnung - oder das Rollenspiel der Verstellung - einen neuen Aspekt, in dem die "Introduction" sich von den Vorgänger-Erzählungen nicht nur abhebt, sondern, im völligen Gegensatz zu ihrem Titel, zur "Final Glass Story" wird. Auf der literarischen Ebene nämlich begegnen sich Beschreibender und Beschriebener in den Reihen von Versuchen, Seymour "vorzustellen", und in der Unabgeschlossenheit des Seymourschen Schreibens und Dichtens. Die Ebene der "Literatur" wird dergestalt mit derjenigen der persönlichen, familialen Erinnerungsbindung verschränkt. Die Story, die keine sein kann, da - wie Buddy selbst sagt - Seymour keinen Stoff für eine solche darstellt - ist der Punkt in der Abfolge der Glass-Geschichten, an dem sich der Repräsentant der Verleugnung und der des abgespaltenen Ichs am nächsten kommen. Die Spannung der Widersprüche im Selbst, die Unsicherheit des Bewusstseins über Stärken und Schwächen, erscheint fast, aber eben nicht ganz aufgehoben, das Geglückte der Konstruktion "Glass" tritt hervor - daher die "happiness" beim Schreiben ohne die Forderung eines Handlungsrahmens. Buddy beschreibt mit Seymour sich selbst, Begriff und Form der Story lösen sich hier auf. (Im übrigen hatte bereits die Betonung des erzählerischen Stils der "digression", der Abschweifung, im "Fänger"-Roman in diese Richtung gewiesen - auch dieses "Prinzip" wäre unter dem Gesichtspunkt der "Entscheidungslosigkeit" oder "Verleugnung" zu untersuchen.) Es ist sicherlich kein Zufall, dass Buddy in dieser Geschichte einige der Geschichten des realen Autors als die seinigen vorstellt: dieser Umstand bietet das wahrscheinlich stärkste Argument dafür, dass die Familie Glass so konstruiert ist, wie es zu beschreiben versucht wurde. Allerdings wird man an diesem Punkt Vorschläge gewärtigen müssen dahingehend, die Diskussion der fiktiven Familie im psychologischen Modell des Narzissmus fortzuführen oder gar von Anfang an so zu führen.

Vorläufig fällt es indessen nicht schwer, den unbefriedigenden Eindruck zu erklären, den die als letzte vor seinem Verstummen geschriebene Geschichte SALINGERs, "Hapworth 16, 1924", hinterlässt. Darin kommt Seymour selbst zu Wort, und zwar als Kind. Das bedeutet: der Spannungsaufbau der Konstruktion Glass-Familie fällt in sich zusammen. Die Entspannung, die nach der tourdeforce von "Seymour. An Introduction", der freudigen Abarbeitung der Verleugnung, dem Leser spürbar gemacht wird (wie übrigens so oft an den Schlüssen der Stories - "Aber jetzt ins Bett. Rasch und bedächtig" -) kommt nicht zustande.

Es sei erlaubt, abschließend noch eine Beobachtung anzuführen, die sich während der Betrachtung von SALINGERs Glass-Geschichten ergibt: die Abgeschlossenheit des Familienbereichs, der Eindruck der in der Familie kreisenden Gedanken, die Beschäftigung der Familienmitglieder mit sich selbst erwecken die Vorstellung des "Sakrosankten" im buchstäblichen Wortsinn. Der Schritt zur Vermutung, dass die Heilige Familie oder die Urgemeinde der Christus-Bewegung (im Sinne von W. THEIßEN) abgebildet wird, ist nicht groß. Selbstaufopferung eines überragenden Menschen für eine Überzeugung, die Verständnis und Liebe zum Mittelpunkt hat, Gnade im Sinn von Teilhabe an einer inneren Freiheit, die Leben und Handeln des Einzelnen bestimmt, tiefes Vertrauen in den Lehrer und die Lehre, in das "ich bin bei Euch bis ans Ende der Welt" sind in beiden "Familien" als Grundzüge vorhanden; Seymour ist menschgewordene Weisheit, der "Menschensohn" im Zentrum des Lebens, der seine Körperlichkeit überwunden hat; Buddy verkörpert die Rolle des Evangelisten, der Chronik betreibt, und die Botschaft verkündet, Zooey entspricht der Figur des missionierenden Apostels, die Geschwister mit der Mutter als Zeugnin für die Leibhaftigkeit des Sohnes stehen für die Gemeinde. In der Kurzgeschichte betont Buddy gegenüber der Zuordnung zur Zen-Philosophie, dass seine geistigen Wurzeln im Buddhismus, aber auch im Alten und Neuen Testament liegen.

Nach Abschluss dieser Betrachtung der Familie Glass aus literaturpsychologischer Perspektive bekam der Verfasser den Aufsatz von Daniel SEITZMAN zur Kenntnis, der sich mit: "Therapy and Antitherapy in SALINGER's 'Zooey'" befasst. Darin stellt SEITZMAN die für ihn überraschende ('striking') Tatsache fest, dass nahezu jede Eigenschaft, die in einer Untersuchung über die Familien von Depressiven in diesen ermittelt wird, sich in der Glass-Familie wiederfindet.

Die einzelnen Merkmale seien hier wiedergegeben:
1. There is a factor which singles it out as "different".
2. The family tries to improve its prestige through accomplishment and the winning of honours.
3. The children must conform to high standards of good behavior.
4. The use of the child to improve the family's position acted as a force devaluing the child as a person in his own right. (...)
5. The necessity for winning prestige is vigorously stressed by the mother, who is strong, while the father is weak.
(nach Frieda FROMM-REICHMANN: "An Intensive Study of Twelve Cases of Manic-Depressive Psychosis." Psychoanalysis and Psychotherapy (Ed. by Dexter M. BULLARD.) The Univ. of Chicago Press, Chicago, 1959)

v.f. 2003 - 2005

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