Abschied von einem kritisch kreativen Pädagogen
Nachruf auf Studiendirektor Dr. Christian Schwarz
von Wolfgang Weismantel

Am 17. Dezember starb in Künzell bei Fulda Studiendirektor Dr. Christian Schwarz, der das Lohrer Gymnasium über 30 Jahre entscheidend mit geprägt hat. Im sächsischen Zittau 1935 geboren, lernte der Sohn eines Zahnarztes früh, was ihn sein ganzes Leben beschäftigen sollte: Die eigene Geschichte ist immer Teil der großen Veränderungen. Sie zu verfolgen und zu verstehen, blieb das eigentliche Abenteuer seines Lebens. Schlagfertig, mit kritischer Distanz, zögernd, doch mit zupackendem Witz - so erlebten ihn Kollegen und Schüler. Fachlich wohl informiert, wissenschaftlich umfassend interessiert und gleichzeitig fasziniert von Literatur, Theater, Jazz und Sport war er in der Schule ebenso zu Hause wie auf der Bühne, in Stadien, Bibliotheken oder Feuilletons.

Dr. Schwarz hatte keinen einfachen Lebensweg. Er wurde als Junge 1945 Zeuge der Ausweisung aus Grottau/CSR, zog mit seinen Eltern über Thüringen an den Niederrhein und von dort ins Allgäu. Hier baute sich die Familie in Bidingen eine neue Existenz auf, während der Sohn 1954 das Abitur am Humanistischen Gymnasium in Kaufbeuren ablegte. Es folgten die Studienjahre in München und Würzburg, eine frühe Studentenehe mit Gattin Ariane. Germanistik, Geschichte, Englisch, Theaterwissenschaften und Philosophie, dafür konnte er sich begeistern und davon sollten Generationen von Schülern in Zukunft profitieren. Nach dem Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen (1961) und dem Referendardienst in Würzburg, Erlangen, Haßfurt und Aschaffenburg (1961 - 63) folgte als letzte Station das Franz-Ludwig-von-Erthal-Gymnasium in Lohr. Hier unterrichtete Dr. Schwarz ab 1964 die Fächer Deutsch und Englisch. Seit 1974 war er als Fachbetreuer für Deutsch eingesetzt.

Die Schüler seiner Klassen, seiner Grund- und vor allem seiner Leistungskurse erlebten bei ihm einen Deutschunterricht auf höchstem Niveau. Hier wurde der literarische Diskurs quer durch die Epochen gepflegt, hier stellte sich die Lust an der Literatur und am geistreichen Umgang mit der Sprache scheinbar beiläufig ein. Nicht wenige der Ehemaligen erinnern sich noch nach Jahren daran, wie sie so auf ungewöhnliche Weise zum Selbstdenken angeregt wurden. Mitunter anstrengend, aber immer anregend. Dr. Schwarz selbst hörte nie auf zu lernen und zu forschen. Sein ganzes Leben publizierte er und promovierte nach ausgedehnten Studien 1976 mit einer Arbeit über die Satiretheorie des Frühaufklärers Christian Ludwig Liscow.

Auch seine Initiativen, durch Diskussionsforen und Vortragsreihen einen Dialog zwischen Gymnasium und Ehemaligen zu fördern, wurden Teil der Lohrer Schulgeschichte. Er betreute das Schulspiel seit 1964 und prägte in über 30 Jahren seinen unverwechselbaren Stil. Für viele Spieler, Eltern und Schultheaterfreunde ging mit seiner Pensionierung eine Epoche zu Ende, in der Jahr für Jahr Aufführungen geboten wurden, die wohl mit zu den bemerkenswertesten schulischen Inszenierungen in Bayern gehörten. Die Lohrer Spielgruppe wagte viel und überraschte immer wieder mit „großem Theater".

Von Dr. Schwarz konnte man lernen, die richtigen Fragen zu stellen, einfachen Antworten zu misstrauen und mitunter das Naheliegende auch mal auf kühnen Umwegen zu erreichen. Als letzter Pfeifenraucher verabschiedete er sich 1998 in den Ruhestand. Mit ihm ging damals ein Sprachwissenschaftler und Literaturkenner, ein pointensicherer Stilist und ein Mann mit unverwechselbarem Sprachwitz. Er schätzte die „alten" Tugenden und war sich dabei immer bewusst, nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Am 22. Dezember nahm seine Familie in Künzell bei Fulda, wo er zuletzt lebte, in aller Stille von ihm Abschied. Sie gab ihm einen Satz von Friedrich Schiller mit auf den Weg: „Was man nicht aufgibt, hat man nicht verloren.“

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