![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |

Die nachfolgenden Beiträge von Klaus Fritsch bringen ein völlig neues Themengebiet in diese Webseite: Es behandelt das brisante Thema "Geld und Wirtschaft" und ist ein leidenschaftliches Pamphlet gegen die Behandlung volkswirtschaftlicher Fragestellungen mit betriebswirtschaftlichen Ansätzen. Überspitzt geht es darum, ob unsere Volkswirtschaft den Gesetzen und den "Mächten" des internationalen Finanzsystems ausgeliefert ist, oder ob ein verantwortlicher Staat mit einer unabhängigen Geldpolitik diese zur Vermeidung von Ressourcenverschwendung (i.d.R. Arbeitslosigkeit) konsequent einsetzt.
Das ist sicher nur ein Anfang und es ist bitter notwendig, dass sich Politik und Wirtschaftswissenschaften von dem Paradigma des Staates als betriebswirtschaftliches Subjekt lösen und die Volkswirtschaft wieder vom Kopf des Geldes auf die Füsse der realen Ressourcen und deren Verrteilung stellt. Dann wird vielleicht auch einmal Schluss sein mit der Mär von den Staatschulden, die unsere Enkel einst in den Hunger treiben werden.
10 Thesen zu volkswirtschaftlichen ÜberlegungenDiese Thesen sind Grundlagen oder Folgen des Traktats `Volkswirtschaft versus Betriebswirtschaft´. Sie erschließen sich unmittelbar, wenn das Traktat zuvor gelesen wurde.
Traktat über den Unterschied von Volkswirtschaft zu Betriebswirtschaft und Wieso Staatsschulden heute zu Wohlstand in Zukunft beitragen können copyright by Klaus Fritsch, März 2009
Einleitung
1 Volkswirtschaft versus
Betriebswirtschaft
1.1 Wirtschaftseinheiten,
Aufgaben und Ziele
1.2 Fazit
2 Geld
2.1 Geld ist ein Organisationsmittel
2.1.1 Geld als Schattenbild der Wirtschaft
2.1.2 Staatsbilanz
2.1.3 Zwischenfazit I
2.2 Geldmenge und Inflation
2.2.1 Zwischenfazit II
2.3 Geldmenge und was sonst ?
2.4 Fazit
2.5 Exkurs über die Finanzierung der Renten
2.6 Geldwert und reale Welt
2.6.1 Geldschöpfung und Geldvernichtung
2.7 Thesen zum Geld
3 Steuern
3.1 Wozu Steuern und wozu nicht?
3.2 Woher bekommt der Staat sein Geld?
3.3 Staatsschulden
3.3.1 Eine Verteilungsproblematik
4 Der Herr des Geldes
4.1 Wie Geld geschaffen wird
4.2 Knecht oder Herr?
5 Fazit des Traktates
6 Schluss
Read comments and write your own
Werter Claudio,
sei aufrichtig bedankt für hartnäckige Nachfragen!
Nicht nur bei Dir kommt die Frage nach der Einbettung einer isoliert betrachteten Vokswirtschaft in die Globalökonomie immer wieder auf -und hier steckt die Griechenlandkrise offenbar vielen Menschen in den Knochen. Das ist verständlich und deshalb muss ich wohl langsam anfangen, neben der reinen Theorie des Traktates auf ein paar praktische Fragen in dem Zusammenhang einzugehen. Das wollte ich ja eigentlich Anderen überlassen....
Vorab aber eine Anmerkung: Du hast den Begriff ´globalökonomische Überlegung` eingebracht. Sehr schön! Gerade wenn wir solche globalökonomische Betrachtungen annehmen, gerade dann müssen die Schlussfolgerungen des isolierten Modells Platz greifen, denn ´global` hat ja keine Außenbeziehung mehr. Ich habe keine Vorstellung, welche globalökonomischen Überlegungen zu dem Blödsinn mit der Schuldenbremse geführt haben könnten....?
Aber das ist nur eine Anmerkung und keine Antwort auf Deine Fragen.
Lass mich zunächst einen Vorschlag wagen für eine Handhabung der Thesen in der Praxis: Wir reden in Deutschland von den Staatsschulden -und zwar in unserem speziellen Fall denen, die als interne Staatskredite sichtbar werden, egal wie diese Kredite finanziert wurden; letztlich sind sie aber immer intern (national) finanziert, selbst wenn sie von Ausländern aufgebracht wurden: denn sie müssen ja doch in unserer Währung überführt werden. Dies ist nach Einführung der Gemeinschaftswährung nicht mehr so eindeutig zu sehen sondern jetzt müsste evtl. der €-Raum als Einheit betrachtet werden.
(Ob ein Staat, der die Hoheit über sein Geld abgegeben hat, noch ein eigenständig/souveräner Staat ist, erscheint fraglich. Nicht durch die Umbenennung unserer Währung haben wir aber diese Hoheit abgegeben. Nein, durch die Beschränkungen, die wir in verstärktem Maße akzeptieren, sind wir dabei, ein entscheidendes Merkmal eines eigenständigen Staates aufzugeben. Vielleicht ist das politisch richtig und zweckmäßig -aber dass dies lautlos schrittweise hinter den Kulissen abläuft, muss man doch mal hinterfragen...) Tatsache ist, dass wir von Deutschland aus keine Fremdwährungsanleihen aufnehmen, weil uns die Handelsbilanzüberschüsse ausreichende Devisenreserven bescheren.
Nun aber endlich zum Vorschlag: Wir (die öffentliche Hand) zahlen allen unseren Gläubigern die Kredite zurück und lassen uns eben den selben Betrag von der Bundesbank zu Verfügung stellen. Bei dieser Gelegenheit benennen wir das, was bisher ´Staatsschuld` genannt wurde ,um in ´Staatskapital`.
Und so wie es volkswirtschaftlich notwendig ist, weiten wir über die BB dieses Kapital aus oder schrumpfen es zurück.
Spricht irgend etwas dagegen? Der private Sektor -einschließlich Banken- würde sehr viel mehr Liquidität bekommen und was dann?? Würde dadurch sehr viel mehr Nachfrage aufkommen? Ich sehe das nicht. Und selbst wenn das der Fall wäre....? Ankurbelung der Konjunktur? Wo ist das Problem?
Diese scheinbare Abschweifung führt nun aber doch gerade zur Beantwortung Deiner Frage: Welches sind die Beweggründe für die sog. Schuldenbremse bzw. den stupidity pact? Zu Recht sagst Du, es werde hierfür die Stabilität des € und die Kreditwürdigkeit der Staaten angeführt. Wird es sicher. Aber ist das stichhaltig?
Die Frage der Kreditwürdigkeit lässt sich mit obigem Beispiels-Vorschlag beantworten: Weshalb braucht Griechenland eine Kreditwürdigkeit, wenn es sich jede beliebige Menge an Liquidität von seiner (oder der europäischen) Zentralbank bereitstellen lassen kann? Kein Grund für ein Problem!
Des Weiteren die Stabilität des €. Da sind doch 2 unterschiedliche Gesichtspunkte drin: zum Einen die interne Preisstabilität und zum Anderen die Austauschrelation zu anderen Fremdwährungen.
Zunächst die Frage innerer Preisstabilität: Solange in der Realwirtschaft (an die wir gelegentlich doch auch wieder einmal denken sollten) ausreichend Ressourcen (sprich: Arbeitskräfte) frei sind, besteht kein Anlass zu Inflationsfurcht. Wenn ich aber wie in Griechenland und anderswo die Arbeitsressourcen künstlich vermindere (niedrige Wochenarbeitszeit und Frühverrentung z.B.) und gleichzeitig Nachfrage mittels überhöhter Einkommen
(16 Monatsgehälter und...) induziere, dann kann es natürlich zu Inflation kommen. Aber diese Probleme liegen doch wohl bei allerlei strukturellen Fragen. Griechenland hat jedenfalls noch eine enorme Arbeitslosigkeit!
Bei uns spielt die (grundsätzlich sehr ernste) Frage nach der Inflation zur Zeit gottlob überhaupt keine Rolle! (Das wird sich möglicherweise aber dann ändern, wenn durch die von Brüderlein und Mutti M. geforderten Tariferhöhungen zustande kommen, um auf diesem Wege unser außen-wirtschaftliches Ungleichgewicht zu bekämpfen. Das würde zwar ein unschöner Preis dafür sein, dass man die Währungshoheit aus der Hand gegeben hat. Schlau ist dieser Vorschlag aber schon, weil auch die Binnennachfrage damit gestärkt und die soziale Schieflage etwas abgefangen werden könnte.)
Damit sind wir -wie ich finde- auch sehr elegant bei dem zweiten Stabilitätskriterium gelandet -den außen-wirtschaftlichen Wechselkursrelationen. Diese werden tangiert wenn wegen hoher Zinsdifferenzen zwischen In- und Ausland Fremdwährungsgeld zu oder abfließt und natürlich in heimische Währung getauscht werden muss. Aber falls dafür die Liquidität im Inneren die wesentliche Rolle spielt, ist diese doch mit klassischer Geldmarktpolitik im Inneren regulierbar.
Für heute scheint mir genügend erarbeitet zu sein, sodass wir bei nächster Gelegenheit eine neue Runde einläuten können.
Schöne Grüße
Claudio wrote Wed Oct 6 2010 @ 15:32
Danke für die beiden ausführlichen Antworten, die einiges für mich geklärt haben. Trotzdem entsteht auch immer wieder neue Verwirrung. Wahrscheinlich bin ich größtenteils dafür selbst verantwortlich: Erstens habe ich ja selbst die unsystematische Vermischung von zwei Themenkreisen herbeigeführt (nämlich das Traktat als theoretische Grundlagenüberlegungen auf der einen und die Wirren des aktuellen globalen Wettzitterns auf der anderen Seite) Zweitens kann ich einige der Aussagen im Traktat und den Comments, aber natürlich auch in allen Zeitungsartikeln, die es so zu lesen gab nicht bewerten, da mir Faktenwissen und praktische Kenntnisse weitgehend fehlen. (Wie soll ich beispielsweise die Empfehlungen des IMF bewerten? Wie viele wirtschaftliche Institutionen stützen sie ihre Empfehlungen sicherlich mit vielen Daten, die man sich sogar beschaffen und Stück für Stück abklopfen könnte. Andererseits ist beim IMF, zumindest weil es in der Vergangenheit ja so war, auch immer ein Stück Ideologie dabei. Aber über's Zeitungslesen und Nachdenken allein werde ich nicht die Tiefe erreichen, die für eine wirklich unvoreingenommene Bewertung der unterschiedlichen Empfehlungen unterschiedlicher Institutionen und Menschen nötzig wäre)
Deshalb versuche ich es dann doch wieder einfach mit einer kurzen Frage: Dass das Traktat aus analytischen Beweggründen von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgeht, kann ich akzeptieren. Ich kenne das ja auch aus meinen VWL-Vorlesungen, wo zur Einführung eines neuen Modells erstmal die Außenhandelsbeziehungen ausgeklammert werden. Das kann zurm Überblick- und Prämissenschaffen ganz nützlich sein. Doch in den folgenden Sitzungen wurden dann stets die Modelle um den Außenhandel erweitert. Und das hat das Modell dann natürlich komplizierter und uneindeutiger werden lassen. Aber es musste eben geschehen, jedenfalls weiß ich nicht, wofür das Modell in unserer heutigen Welt sonst von Nutzen hätte sein sollen.
Jetzt zu meiner Frage: Als Grundlage kann das Traktat natürlich von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgehen. Aber müssten sich dessen Überlegungen nicht spätestens dann auf eine offene Volkswirtschaft ausweiten, wenn Bewertungen von aktuellen politischen Entscheidungen vorgenommen werden? Beispielsweise ist die Kritik an der „Schuldenbremse“ natürlich nicht unberechtigt: aber schießt man nicht am Ziel vorbei, wenn man eine Regelung, die aus – ich nenne es jetzt mal - „globalökonomische“ Überlegungen heraus eingeführt wird – mit einem Modell attakiert, das von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgeht? Wenn ich die Schuldenbremse (ihr Name ist indes ja auch irreführend: die Schulden sollen ja nicht auf Null heruntergefahren werden!) richtig verstanden, dann liegen ja zumindest zwei der Beweggründe darin, dass man einerseits die Stabilität des Euro schützen und außerdem die Kreditwürdigkeit der Staatsanleihen möglichst hoch halten will (was bedeuten würde: günstige Zinssätze für Kredite, also Konjunkturankurbelnd). Oder habe ich da was falsch verstanden?
Klaus wrote Fri Aug 6 2010 @ 19:28
Zur Diskussion über den Traktat VW/BW
Frage:
Auf welche Art und Weise vollzieht sich nach den vorliegenden Thesen ein Staatsbankrott?
´Bankrott` ist ein Begriff der BW. Er ist definiert als Zahlungsunfähigkeit oder als Überschuldung.
Zunächst zur Zahlungsunfähigkeit:
Zahlungsunfähig in seiner eigenen Währung (also auf jeden Fall gegenüber Inländern) kann ein Staat nicht werden, weil er grundsätzlich unbeschränkt Geld schaffen kann. Hat ein Staat dieses Recht abgegeben oder sich selbst beschnitten, so fehlt ihm ein zentrales Recht, -er ist eigentlich nicht mehr als hoheitlicher Staat anzusehen.
Der Traktat behandelt das Innere eines geschlossenen Staatsgebildes. Da kann ein Staat nicht zahlungsunfähig werden.
(Er kann aber sehr wohl zahlungsunwillig sein; das wird der Fall, wenn er die monetäre Hoheit abgibt oder sich selbst beschränkt. Solche Selbstverstümmlungen haben aber nichts mit wirtschaftlichen Kategorien zu tun; sie zeitigen aber wirtschaftliche Folgen!)
Sehr wohl kann aber ein Staat zahlungsunfähig werden, wenn er in fremder Währung, also nicht in seiner eigenen leisten muss. Das Außenverhältnis in Fremdwährung ist im Traktat nicht behandelt. Dieses Verhältnis entspricht dem eines betriebswirtschaftlichen zwischen Wirtschaftseinheiten, die mit einer nicht von ihnen selbst geschaffenen Währung untereinander umgehen.
Soweit zur Zahlungsunfähigkeit! Wer das Organisationsmittel ´Geld` selbst schafft, kann nicht zahlungsunfähig werden.
Auch der Überschuldungsgrundsatz ist eine betriebswirt-schaftliche Kategorie. Er hat als Kriterium des Gläubiger-schutzes nur im Verhältnis zu Dritten seine Bedeutung.
An dieser Stelle nun eine Anmerkung -außerhalb des Traktates-: Für die Finanzierung (Beschaffung des Organisationsmittels ´Geld`) für die öffentliche Hand geht, so wäre es doch unschwer denkbar, dass die Bundesbank Gelder
als ´Kredite` zur Verfügung stellt. Da Die Staatsbank der öffentlichen Hand gehört, wäre man also bei sich selbst verschuldet. Dies sagt zwar nichts aus, würde aber eben dieses Prinzip ´rechte-linke-Hosentasche` deutlich sichtbar machen. Ein Gläubigerschutzprinzip ist dabei natürlich völlig überflüssig...
Da im Übrigen eine Bilanzierung der öffentlichen Hand bisher nicht erfolgt ist, kann eine Überschuldung auch deswegen nicht in der Diskussion Platz greifen...
Frage:
Welche Vorschläge könnte Paul Krugman denn einbringen?
Er hat von der ´stupidity` geredet. Na klar! Die sollte man abschaffen und das Hirn einschalten. Muss man das wirklich konkret vorschlagen?
Vielleicht würde es helfen, die stupidity zu überspielen!?
Wäre dazu obiger Vorschlag mit den ´Bundesbank-Krediten` evtl. geeignet? Man könnte allen Gläubigern der heutigen Staatsschulden ihr Geld zurückzahlen und dafür neue Kredite bei der Bundesbank aufnehmen. Welche Auswirkungen hätte das auf die VW?
Wovon Josef Joffe in der ´Zeit` überhaupt redet, weiß ich wirklich nicht. Er sollte denken und nicht populistisch versuchen ein nicht vorhandenes Problem über biologische Wege zu übertünchen...
Und schließlich: Was vom imf zu halten ist, wissen wir seit Längerem. Eine ´Analyse`, die fiskalischer Gesundung verbunden mit Strukturreformen eine höhere Wachstumsmöglichkeit zuordnet als reiner Budgetbereinigung erscheint
ein wenig simpel...Aber vielleicht ist das doch ein erster zaghafter Schritt sich vom Schattenbild des Monetarismus zu lösen!
Richard wrote Sat Jul 10 2010 @ 16:32
OK - bevor du dich völlig frustriert von meinen geliebten Comments (gerade mal wieder von Spammern bedroht) abwendest, will ich mal für den sich in Dänemark sonnenden Autor einspringen.
Zur Frage des Staatsbankrotts: Wie so viele theoretische Ökonomen behandelt Klaus die geschlossene Volkswirtschaft. Das ist in unserer globalen Welt jenseits aller Realität, aber als "Versuchsanordnung" doch zulässig und oft hilfreich um spezifische Problemstellungen anzugehen und vor allem um einen Paradigmen Wechsel zu initiieren.
Während, wie du später richtig feststellst, die USA fast grenzenlos Auslandskredite in ihrer Währung aufnehmen können, haben andere Staaten in Krisensituationen mit dem vicious cylcle von Geldentwertung, steigenden Zinsbelastungen und fallenden Wechselkursen zu kämpfen. Und den zwiespältigen Einfluss der Weltbank, mit ihren westlich-monetaristisch geprägten Auflagen, kennt man ja.
Ich möchte mich mal von den aktuellen wirtschaftspolitischen Bezügen entfernen und auf den Kern des Traktats eingehen.
Nach meiner Sicht geht es darum, die realen Objekte der Volkswirtschaft zu betrachten, nämlich Wertschöpfung auf der einen und Verteilung auf der anderen Seite der Medaille.
Die zentrale These von Klaus lautet: Ressourcen an Arbeitskraft, die nicht verwendet werden, sind für immer verloren. Auf die heutige Situation übertragen: es kann nicht richtig sein, Staatshaushalte mit dem Preis von Arbeitslosigkeit zu sanieren. Ich denke Obama hat da aus der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts schon die richtigen Schlüsse gezogen. Ob die Umsetzung passt, darum sollen sich die Krugmans und Joffes streiten.
Wenn man die Berichterstattung der letzten Zeit verfolgt, ist man ja schon an Platons Höhlengleichnis erinnert: Es wird die Scheinwelt des Geldes mit der Realität des Seins verwechselt.
OK, solche hochtrabenden Aussagen stehen mir Hobby-Ökonomen nicht zu. Aber zu denken gibt es schon, dass wir uns an Billiarden (Millionen und Milliarden locken ja keinen mehr - eine Welt der Ackermanns sind wir geworden) berauschen und gruseln, und andererseits Ansätze, reale wirtschaftliche Probleme anzugehen, als gefährliche Systemfehler gebrandmarkt werden. Vielleicht ist Opel ein schlechtes Beispiel, aber egal, über die Vernichtung von 10 tausenden von Arbeitsplätzen und den Untergang einer Traditionsmarke, mit finanzwirtschaftlich-theoretischen Phrasen zur Tagesordnung überzugehen, halte ich schon für zynisch.
Wie kann es sein - fragt sich das schlichte Gemüt - dass die Zahlen der realen Wirtschaft (also so Dinge, wie Umsätze der Daimlers und BASFs und General Electrics) im Vergleich zu den Beträgen, die der finanzwirtschaftliche Sektor mit all seinen fiktiven Produkten und Derivaten bewegt, wie Peanuts daherkommen?
Und zum Schluss noch eine kleine Bemerkung zur Verteilung (die ja im Traktat ein bisschen zu kurz kommt). Unser Dilemma ist ja ein "magisches Dreieck" zwischen Produktivitätsfortschritt, Konsum und natürlichen Ressourcen (die ja erhalten bleiben, wenn sie nicht genutzt werden). Dieses Dilemma zu lösen, daran ist ja schon der real existierend Kommunismus gescheitert. Das Wirtschaftsmodell, das den Fortschritt nutzt, den Menschen mehr Muße, Freizeit und immaterielle Werte zu schenken, muss noch entwickelt werden.
Also - das kann ich mir jetzt nicht verkneifen - verliere die Ökonomie nicht aus den Augen.
Claudio wrote Fri Jul 2 2010 @ 21:46
Während meine Frage offenbar keine Antworten auf sich zieht diskutieren die Medien der Welt ja geradezu über die Sparpolitik um die Wette. Hier nur das, was ich in dieser Woche aufgeschnappt habe:
1) Unser lieber Paul Krugman echauffiert sich über die Sparpläne der Europäer (allerdings ohne selbst eine wirklich schlüssige Argumentation hervorzubringen, was mich an Krugman wirklich langsam zu nerven beginnt): http://www.nytimes.com/2010/07/02/opinion/02krugman.html
2) Josef Joffe (der ja auch immer zu allem eine Meinung hat, besonders, wenn es mit Amerika zu tun hat) bezieht sich in einer Replik ziemlich direkt auf Krugman und hat sogar ein paar einleuchtende Argumente parat: http://www.zeit.de/2010/27/01-Europa-Finanzkrise-Sparen
"Der Alt-Keynesianer Obama mag es einfacher haben: Die Bevölkerung wächst und schafft so auf biologischem Wege ständig neue Nachfrage; außerdem können sich die USA, solange der Dollar Weltwährung bleibt, schier unbegrenzt Geld aus dem Ausland holen – und es in der Landeswährung zurückzahlen. Europa aber altert und schrumpft, und deshalb summieren sich Staatsschulden zum gigantischen Schneeballsystem: Den Letzten beißen die Pleitegeier."
3) Der Economist fasst die Debatte zusammen und hat natürlich an beiden Seiten etwas auszusetzen. http://www.economist.com/node/16485318 Dennoch großer Vorzug: hier werden die meisten Argumente genannt, und auch auf beiden Seiten wenigstens ansatzweise durchdekliniert, so dass man hier zumindest weiß, woran man ist, wenn man das (für mich sehr einleuchtende) Fazit liest: "Many European governments, for instance, are fixated on cutting their deficits, when they should also be trying harder to shake up their labour and product markets. A new analysis by the IMF suggests that fiscal austerity coupled with structural reforms would yield far higher growth than austerity alone. In America the new deficit-focused climate is preventing politicians from passing a temporary (and sensible) fiscal stimulus package without inducing them to tackle the sources of the country’s huge medium-term deficit by, for instance, reforming social security. The result probably won’t be another Hooveresque Depression. But it could be a recovery that is weaker and slower than it should have been."
Das interessante an diesem Fazit: es erinnert mich insofern an das Traktat von Frisch, da es darauf hinweist, dass langfristig kein Sparkurs sondern strukturelle Reformen von Nöten sind (um insbesondere, unabhängig von der Krise, dem Problem des demographischen Wandels beizukommen).
Was sagt denn der Rest dazu? Da mein Economist-Abo gerade abgelaufen ist und ich jetzt ein Probeabo der ZEIT (als ePaper für meine Kindle) teste, bin ich gerade mal wieder ein wenig hin und her gerissen. (Aber das solten wir vielleicht anderswo diskutieren).
Claudio wrote Sun Jun 6 2010 @ 17:34
Mit der Hoffnung, eine Dikussion in Gang zu bringen zunächsteinmal eine ganz kurze Frage:
auf welche Art und Weise vollzieht sich denn in diesem "Fritsch-Modell" ein Staatsbankrott? (Jetzt nicht nur auf Griechenland, wo das ja vorerst abgewendet wurde, sondern z.B. auch auf Argentinien 2002 bezogen).
copyright 2009 - 2011 Richard Winter
Complaints, questions, comments?
Contact richard@richardhwinter.de







