Richard Powers – Facticious Fiction, Fictitious Fact

Aus Sicht des Lehrenden läuft die erste Sitzung des Seminars beängstigend gut: Die Studenten stellen sein durchdachtes Unterrichtsprogramm völlig auf den Kopf. Für Frederick P. Harmon's Buch Make Your Writing Come Alive haben sie nicht viel übrig. Stattdessen diskutieren sie über ihre eigenen extravaganten Kunstprojekte. Sie überziehen gut eine viertel Stunde, ohne es überhaupt zu merken.

Nein, das ist keine Szene aus Richard Powers' Seminar, das er im Sommersemester 2009 an der FU-Berlin gab. Vielmehr stammt sie aus seinem aktuellen Roman Generosity (Das größere Glück) – und der Kurs den sein Protagonist darin gibt heißt nicht etwa Facticious Fiction, Fictitious Fact, sondern Journal and Journey. Dennoch gibt es da die ein oder andere Parallele.

Zugegeben, gegenüber der Einstiegslektüre verhielten wir uns – zumindest anfangs – respektvoller. Es handelte sich dabei ja auch nicht um irgend ein Schriftsteller-Selbsthilfebuch sondern um David Shields' Reality Hunger, ein Manifest das – wenn es im Februar kommenden Jahres wirklich endlich erscheinen sollte – für jede Menge Kontroversen sorgen dürfte. Denn Shields fordert darin die Literatur des 21. Jahrhunderts dazu auf, sich endlich den Realitäten unserer heutigen Welt zu stellen – einer Welt, in der die traditionelle Trennung zwischen Fiktivem und Faktischem massiv an Sinn eingebüßt hat. Unsere Gesellschaft ist Shields zufolge inzwischen eine derartig artifizielle, dass es neuer literarischer Formen bedarf, um der Realität – was immer das auch eigentlich sein mag – noch gerecht werden zu können.

Natürlich war das erst einmal Zündstoff für rege Diskussionen, die sich von Reality-TV über DJing bis hin zu gefälschten Autobiographien erstreckten. In den ersten zwei Sitzungen des Seminars spielten wir also einige der Kontroversen, die Shields' Manifest voraussichtlich hervorrufen wird, schon einmal im kleinen Kreis (naja, wir waren immerhin knapp zwanzig Studenten) durch.

Danach war es an uns, in eigenen Schreibprojekten die Suche nach neuen Formen aufzunehmen. Erlaubt war alles, was die Grenzen zwischen Sachbuch und Belletristik sprengt. Wie sich herausstellen sollte, würde es den Projekten gelingen, nicht nur diese zu sprengen – sondern auch den Rahmen des Seminars. Powers reagierte darauf erfreut und kürzte seine umfangreich angelegte Lektüreliste auf die wesentlichen Werke zusammen: Julian Barnes' Flaubert's Parrot und Into the Silent Land von Paul Broks. Insbesondere bei Letzterem bin ich mir nach wie vor nicht sicher, ob ich es lieber als Roman oder als Sachbuch bezeichnen sollte – so stark vermischt es ausführliche Gedankenspiele mit realen Erkenntnissen aus der Neuropsychologie. Im Zusammenhang mit unserem Seminar war es aber vor allem eins: ein Sprungbrett in unsere eigenen Schreibprojekte. Als diese erst einmal richtig ins Rollen kamen, wurde alles andere zur Nebensache.

Einige von uns verarbeiteten persönliche Erlebnisse in Textcollagen, mehrstimmigen Erzählungen, protokollierten Telefongesprächen. Andere versuchten sich an Zeitungsartikeln aus der Zukunft, fiktiven Tagebüchern, historischen Nacherzählungen, kommentierten Essays oder an noch ausgefalleneren Textformen, die ich beim besten Willen nicht in kompakte Schlagworte packen kann.

Eine Studentin stellt ihr Projekt vor: Eine Frau Mitte zwanzig unterhält sich mit ihrem verstorbenen Vater, der im Wohnzimmer der Familie aufgebahrt ist. Unter uns Seminarteilnehmern entsteht eine Diskussion darüber, ob man in dieser Erzählung Sympathie für die Figuren entwickelt oder nicht. Erst nach einer Weile schaltet sich Powers ein. Er macht darauf aufmerksam, dass die außergewöhnliche Erzählperspektive – die Handlung des gesamten Tages wird innerhalb des Monologs, den die Tochter vor ihrem Vater hält, abgehandelt – einige Risiken in sich birgt: „So we should also stay open to the possibility of exploring the tradeoff involved in that narrative choice.“ Die Diskussion geht weiter. Nach einer Weile lenkt Powers wieder ein: Wie wäre es beispielsweise, wenn es einen persönlichen Erzähler gäbe, der die Handlung vorantreibt und das Gespräch zwischen Tochter und Vater nur in einzelnen, ganz bestimmten Stellen einsetzt? Wie würde das wirken? Wieder sammelt er einige Meinungen aus der Runde. Gemeinsam kommen wir zu dem Schluss, dass diese Szenen aufgrund des höheren Kontrasts emotional wirkungsvoller wären. Powers fasst das mit einem Zitat von Dante zusammen: „«The stars get their brightness from the surrounding dark.» Meaning you need some neutral moments in order for the unique moments to take on precise shape.“

Während Powers' Berlinaufenthaltes musste man ja nur die Zeitung aufschlagen oder das Radio anschalten, um Lobeshymnen auf ihn zu hören, in denen er als der „herausragende Wissenschaftsromancier unserer Zeit“ gefeiert wurde. Doch in unserem Seminar funktionierte das Ganze bemerkenswerterweise anders herum: Powers hat eine Art, einfach nur die richtige Fragen zu stellen und einen selbst die passenden Antworten finden zu lassen. So braucht man als Student nicht vor Powers' Genialität zu erstarren, sondern hält sich am Ende selbst für genial.

Powers benötigt also keine Bücher mit Titeln wie Make Your Writing Come Alive, um seinen Studenten etwas über das Schreiben beizubringen. Schriftstellerisch ist er ja auch ein wenig erfahrener als seine Romanfigur Russell Stone. So hat er Stone unter anderem die Erkenntnis voraus, dass Studenten selbst ihren Weg durch die Welt der Literatur finden wollen. Und als unser Seminar diesen Weg einschlägt, überschneiden sich plötzlich wieder Fiktion und Realität: Lehrender und Studenten ähneln wieder den Figuren aus Powers' Roman, denn wir vergessen Zeit und Ort und überziehen gut zwanzig Minuten, ohne es überhaupt zu merken.

- Claudio Winter



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